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Jaime

Die Haschzigarette glimmt zwischen meinen Fingern auf, als ich daran ziehe. Ich schließe die Augen und genieße das Brennen in meiner Lunge und die angenehme Leere, die sich in meiner Brust ausbreitet, bevor ich den Joint nach hinten an Lyndon weiterreiche.
Mein Kumpel bedankt sich mit einem Grunzen, während sich immer mehr Rauch im Wageninneren ausbreitet. Wie ein verfluchtes Krebsgeschwür.
»Wenn die Nation wüsste, dass ihr Goldjunge ein abgefuckter Kiffer ist, würden sie dich auf den Events mit Eiern bewerfen anstatt mit Höschen«, bemerkt Spiro grinsend, der hinter Grover auf der Rückbank des gepanzerten Mercedes sitzt. Auf meinen nach hinten zeigenden Mittelfinger reagiert er mit seinem typisch arroganten Glucksen. Im Rückspiegel sehe ich, dass er am Joint zieht, ehe er sich vorbeugt, um ihn an Grover weiterzureichen.
Grover schüttelt den Kopf. »Ich sehe auch so schon kaum was. Der beschissene Regen«, fügt er hinzu und deutet genervt aus der Windschutzscheibe. »Euer Qualm macht es nicht besser, Mann!«
»Jagen im Regen ist scheiße.« Lyndon stützt das Kinn in die Handfläche und schaut missmutig aus dem Fenster. »Wir hätten nach Vegas fliegen sollen. Es ist unser letzter Kurztrip vor dem Abschluss und hier draußen in der Pampa gibt’s nicht mal Pussys.«
»Du kannst nicht mal das Personal meines Dads flachlegen.« Spiro lächelt sardonisch. »Er hat die kleine Blonde von letztem Sommer gefeuert. Sie hat irgendeine hässliche Vase mitgehenlassen, keine Ahnung.«
»Marissa?«, hakt Lyndon nach und zuckt mit den Schultern. »Fuck.« Er wirft sich tiefer in den Sitz und verschränkt die Arme vor sich. Er wirkt unzufrieden und beleidigt, als hätte ihm jemand in den Kaffee gespuckt. »Und wen ficke ich jetzt eine Woche lang?«
»Dich selbst«, kontert Grover trocken, bevor er den vierhundertfünfzig PS die Sporen gibt und aufs Gaspedal tritt. Der nagelneue AMG ist ein Geschenk von Grovers Vater zum Abschluss. Eine Sonderanfertigung. Der Mercedes ist komplett gepanzert, hat kugelsichere Scheiben und die Reifen sind unzerstörbar, genau wie bei den SUVs, in denen mein Vater sich meistens kutschieren lässt. Von außen sieht er aus wie ein geiler Sportschlitten, aber die Karre hat es in sich. Und selbstverständlich hat der Mercedes ein Vermögen gekostet, aber wer an der Sicherheit des Second Sons of America spart, spart laut Onkel Jake am falschen Ende.
Panoramarückspiegel sollten jedenfalls verboten werden, weil sie mich nervös machen. Mit jedem Blick hinein bilde ich mir ein, unsere Verfolger darin zu entdecken, aber es sind bloß Bäume und eine verfluchte verlassene Landstraße mitten in den Wäldern des Bundesstaates New York.
Oder ich sollte einfach wieder die Augen zumachen und darauf warten, dass wir endlich ankommen. Ich bin völlig im Arsch, weil die Prüfungen härter waren als gedacht. Ich habe mir vorgenommen, danach eine Woche lang zu schlafen. Stattdessen habe ich mich von meinen besten Arschlochfreunden breitschlagen lassen, den Secret Service auszutricksen, um unter ihrem strengen Radar hindurchzuschlüpfen, damit wir uns in den Catskill Mountains ein paar Tage vor dem Rest der Welt verstecken können. Wobei Stunden wohl realistischer sein dürften, denn selbst wenn wir uns komplett unsichtbar machen könnten, würden sie uns – vielmehr mich – dennoch irgendwie aufspüren. Das passiert jedes verfickte Mal, weil es leider in einer kleinen Staatskrise ausartet, wenn ich einfach von der Bildfläche verschwinde.
Frustriert lasse ich den Kopf gegen die ergonomische Kopfstütze sinken und starre hinaus auf die Straße. Überall haben sich riesige Pfützen auf der Straße gebildet, die sich wie eine gigantische Schlange durch den Wald den Berg hinauf schlängelt. Wir sind seit rund zwei Stunden unterwegs, und es regnet ununterbrochen.
Noch ein bisschen, dann lasse ich mich komplett vom monotonen Schwingen der Scheibenwischer einlullen, während Lyndon und Spiro über ihren Professor in Ethik herziehen, Grover sich über die Dunkelheit beklagt und das Gebläse der Lüftungsanlage mir Luft ins Gesicht pustet.
Ich bin gerade eingedöst, als ein heftiges Rumpeln den schweren Wagen erfasst, und wir geraten ins Schleudern.
»Fuck!«, schreit Spiro, der sich Halt suchend am Fahrersitz abstützt. »Was zur Hölle war das?«
»Bist du über was drüber gefahren?« Lyndon dreht sich um und schaut durch die Heckscheibe zurück, während Grover den Sportwagen mit quietschenden Reifen auf der nassen Straße zum Stehen bringt. Ein harter Ruck geht durch die Vollbremsung durchs Auto. Wenigstens geraten wir nicht ins Schlingern und kommen nach wenigen Metern zum Stehen.
Mein Herz pumpt wie ein Presslufthammer in meiner Brust, was meinem besten Freund auf dem Fahrersitz ebenso zu ergehen scheint. Seine Fingerknöchel sind weiß und der Schreck steht ihm ins Gesicht geschrieben, während er das Lenkrad umklammert, als wollte er es herausreißen.
»Was zur verfickten Jungfrau Maria war das?« Spiro langt nach vorn und schlägt Grover auf den Oberarm. Grover zuckt zusammen und schlägt seine Hand weg, ehe er einen Schrei ausstößt, der ein bisschen wie der eines verwundeten Hundes klingt.
»Ich habe keine Ahnung, Mann! Ich glaube, wir haben ein Tier überfahren!«
»Ein Tier? Ich habe nicht gesehen, dass etwas über die Straße gelaufen ist.«
»Weil du mit deinem Handy beschäftigt warst!«, schnauzt Spiro Lyndon an, ehe er sich abschnallt und nach dem Türgriff angelt. Die Tür öffnet sich nicht, weil Grover erst den Entriegelungsmechanismus betätigen muss. Aber Grover scheint unter Schock zu stehen, denn der Mistkerl atmet nicht mal mehr und starrt nur mit weit aufgerissenen Augen auf die Straße.
»Fuck!«, presse ich zwischen den Zähnen hindurch, schnalle mich ab und greife über meinen besten Freund hinweg, um an den Knopf zu gelangen, der die Türen entriegelt. »Ich werde nachsehen, was das war. Vielleicht lag wegen des letzten Sturms nur ein Ast auf der Straße.«
»Muss aber ein verfickt großer Ast gewesen sein. Lyndon hat den Joint fallenlassen. Jetzt hat Grover ein fettes Brandloch in seinem schicken Fußteppichdings.« Spiro ist high. Er sollte wahrscheinlich genauso wenig aussteigen wie ich, aber er zieht sich die Kapuze seines Yale-Hoodies über den Kopf und springt aus dem Wagen.
Ich folge ihm, nachdem ich einen letzten Blick auf Grove geworfen habe, der sich in der letzten Minute nicht ein einziges Mal gerührt hat.
Lyndon rammt vor Wut seine Knie in den Beifahrersitz, bevor auch er aussteigt.
Es regnet so heftig, dass wir rasend schnell durchnässt sein werden, trotzdem öffne ich die Taschenlampen-App auf meinem Smartphone und versuche, mich zu orientieren. Ich trete in die Vertiefung am Straßenrand, die sich längst in einen reißenden Bach verwandelt hat. Sofort sind meine Schuhe bis auf die Socken klitschnass.
Vor mich hin fluchend ignoriere ich das Gemecker von Lyndon, der keine drei Schritte entfernt dasselbe Problem hat. Ich sehe mich nach Spiro um, der bereits einige Schritte zurückgelegt hat, um nach dem Grund für das Geholper vorhin zu suchen.
»Hey! Hier ist was Komisches«, ruft er uns zu und winkt uns näher.
Lyndon, der seine Kapuze tief ins Gesicht gezogen hat, wirft mir einen fragenden Blick zu, ehe er mit den Schultern zuckt und auf ihn zugeht.
Verdammt noch mal, bin ich der Einzige hier, der ein verflucht mieses Gefühl bei der Sache hat?
»Was ist da?«, will Lyndon wissen.
»Sieht aus wie ein Baumstamm.« Spiro geht näher an das dunkle Ding auf der Straße zu, bevor er stehenbleibt. »Mit Armen«, präzisiert er, und seine Stimme gerät für einen Moment ins Wanken. »Und Beinen. Und ich glaube, er hatte mal einen Kopf. Fuck! Was zur verfickten Hölle ist hier los?«
Mein Herz beginnt, zu rasen, ehe ich seine Worte wirklich erfassen kann. »Ein Mensch? Haben wir echt einen Menschen überfahren?«
»Das da«, setzt Lyndon an und greift nach meinem Arm, während er mit der anderen Hand auf die nasse Straße deutet, »ist das Blut? Sind wir echt … da drüber …«
»Nein«, sage ich mechanisch und schüttle den Kopf, weil nichts hiervon einen Sinn ergibt. »Das liegt am Joint. Wir sind high und können nicht klar denken. Vielleicht halluzinieren wir. Das kann nicht …«
Spiro lacht schallend. »Hörst du dir selbst zu, Mann? Man kann nicht gemeinsam halluzinieren! Das ist Bullshit! Das ist …«
»Doch, kann man«, unterbricht Lyndon ihn trocken. »Es nennt sich Folie à deux. Es handelt sich um eine induzierte wahnhafte Psychose, die von zwei Personen geteilt wird, vielleicht auch von drei.« Er lässt mich los und weicht der blutigen Spur auf der Straße aus. Wir sehen sie beide. Die linken Räder des Wagens haben dem Kerl auf der Straße den Schädel zermatscht. Das passiert also, wenn man mit einem zwei Tonnen schweren gepanzerten Wagen mit Premiumsonderausstattung über einen Menschen fährt.
Ich glaube, ich muss kotzen.
»Wir halluzinieren nicht. Da liegt wirklich ein toter Typ auf der Straße«, stellt Lyndon klar, nachdem er sich in einer Armlänge Entfernung zum reglosen Ding auf der Straße hingehockt hat. »Die Frage ist nur … haben wir ihn gekillt oder lag er schon tot auf der Straße?«
Spiro rauft sich das nasse Haar und rennt auf einer geraden Linie entlang am Straßenrand auf und ab. »Fuck, fuck, fuck! Das kann doch wohl nicht wahr sein! Meine Eltern killen mich! Ich hab am College schon so viel Scheiße gebaut und alles getan, um meinen Abschluss zwei ganze Jahre zu verzögern. Sie denken, ich hab endlich die Kurve gekriegt, aber nur, damit sie mir nicht weiter auf den Sack gehen! Und jetzt lande ich im Knast mit euch drei Flachwichsern, weil wir einen Kerl gekillt haben? Mein Leben ist vorbei!«, flucht er wild gestikulierend, während die Gedanken in meinem Kopf zu rasen beginnen.
Mein Vater wird mich nicht nur umbringen – er wird einen Weg finden, mich wieder zum Leben zu erwecken, um mich gleich noch mal zu töten. Und nochmal. Und nochmal. Scheiße!
Lyndon erhebt sich wieder und kratzt sich den Hinterkopf. »Nicht, dass ich mich damit auskennen würde, aber ich schätze, man kann irgendwie herausfinden, was für ein Auto mit was für Reifen über das matschige Ding gefahren ist, das mal der Kopf von dem Kerl war.«
»Scheiße!«, brüllt Spiro in den Wald und tritt nach einem Busch am Straßenrand, während der Regen unaufhörlich auf uns niederprasselt.
Ich konzentriere mich auf Lyndon, weil ich absolut keinen Plan habe, was wir jetzt tun sollen, aber ziemlich sicher bin, dass ich jeden Moment kotzen muss. Kalter Schweiß steht mir auf der Stirn. Mein Magen dreht sich wie ein verficktes Karussell. Ich schmecke schon Galle auf der Zunge, als ich die Autotür hinter mir höre.
Lyndon und ich drehen uns um, Spiro hört auf, seine Faust gegen einen Baumstamm zu dreschen und sich damit wahrscheinlich alle Knochen zu brechen.
»Das war ich nicht«, sagt Grover, als er aus seinem Wagen steigt, ohne die Fahrertür wieder zu schließen. Der Alarmton des Wagens beschwert sich genau darüber. Die Scheinwerfer sind eingeschaltet, die Scheibenwischer arbeiten, im Wageninneren ist die Ambientebeleuchtung an und der Motor schnurrt leise wie ein Kätzchen vor sich hin. »Ich habe den Kerl da nicht umgefahren! Ich schwöre, dass mir nichts und niemand vors Auto gelaufen ist. Ich …« Mein bester Freund schnappt ein paar Mal heftig nach Luft und greift sich an den Hals. Er reißt den Reißverschluss seiner Jacke auf, atmet hektisch und selbst im Regen und in der Dunkelheit kann ich erkennen, dass er kreidebleich ist. Er hat eine Panikattacke. Ich kenne dieses Gefühl, deshalb weiß ich, dass ich etwas unternehmen muss, um ihm da durch zu helfen.
Ich gehe auf Grover zu und versuche halbherzig, mir nicht bei jedem Schritt vorzustellen, dass ich in Hirnmasse trete. Er dreht durch. Spiro dreht auch durch, aber auf seine eigene abgefuckte Art. Lyndon ist wahrscheinlich der Einzige, der nicht komplett ausrasten wird, weil Psychologie sein Nebenfach ist und sein Dad im Gegensatz zu den meisten seiner Amtsvorgänger tatsächlich aktiv gedient hat. Vier Einsätze in Afghanistan, drei im Irak, mehrere in Syrien, und das sind nur die, von denen er uns erzählt hat, als wir noch kleine Hosenscheißer waren. Lyndons Dad hat Eier aus Stahl, dagegen kann keiner unserer Dads anstinken, erst recht nicht mein eigener, der sich einfach nur wahnsinnig gern selbst reden hört.
»Atmen, Mann«, höre ich mich selbst sagen, bevor ich die Hände nach ihm ausstrecke, aber Grover weicht zurück und stößt gegen die geöffnete Fahrertür. »Du musst dich beruhigen. Ganz lang…«
»Fick dich«, herrscht er mich ungewohnt kraftlos an und schüttelt den Kopf. »Was denkst du, machen sie mit uns, wenn rauskommt, dass wir einen Kerl in der Pampa überfahren haben? Der scheiß Secret Service ist wahrscheinlich längst auf dem Weg hierher!« Er lacht auf, die Augen weit aufgerissen und mit handtellergroßen Pupillen, dabei hat er gar nicht an dem verdammten Joint gezogen. »Ich sehe die Schlagzeilen schon vor mir. Der Sohn eines Diplomaten«, er deutet auf Spiro, »der Spross des Verteidigungsministers«, auf Lyndon, »und die Söhne des Vizepräsidenten und Präsidenten der freien Welt haben bei ihrer egoistischen Flucht vor dem privilegierten Leben und dem Secret Service einen Mann totgefahren. Wir sind alle am Arsch! Unsere Eltern sind am Arsch! Unsere Leben sind vorbei!«
»Unsere Leben sind nicht vorbei, du verdammter Wichser!«, brüllt Spiro ihn an und rennt im nächsten Moment auf uns zu, doch ich reagiere schnell und stoße ihn weg, bevor er auf Grover losgehen kann. »Mein Leben ist garantiert nicht vorbei! Ich werde nicht zulassen, dass das passiert, kapiert? Ich bin zu jung und schön, um im Knast zu versauern!«
»Du hast gerade noch gesagt, du hast niemanden gesehen«, bemerkt Lyndon nüchtern, wobei er sich noch immer den Hinterkopf kratzt, weil er stoned ist. »Das bedeutet, es kann auch sein, dass er schon tot auf der Straße lag.«
»Wer ist das überhaupt? Scheiße, verdammt!« Spiro drischt mit der Faust auf die Panzerglasscheibe der Hintertür ein. »Was für ein Penner rennt mitten in der Nacht bei dem beschissenen Wetter durch den Wald?«
»Genau genommen«, bemerke ich trocken, »ist er auf der Straße gelaufen, nicht im Wald.«
»Ihr habt es doch auch gesehen, oder nicht?« Hilfe suchend breitet Grover die Arme aus und schaut uns nacheinander an. »Da war niemand. Ich schwöre, er ist mir nicht vor den Wagen gerannt! Ich habe nicht an eurem beschissenen Joint gezogen und bin komplett nüchtern. Ich habe ihn nicht gesehen!«
»Ich glaube dir«, sage ich beschwichtigend, dabei wünschte ich, ich wäre nicht weggedöst und könnte ganz genau bestätigen, dass die Version meines besten Freundes korrekt ist. Ich traue meinen Freunden vieles zu, aber auf keinen Fall das absichtliche Überfahren eines Menschen. Dummerweise habe ich einfach nicht gesehen, dass Grover nichts gesehen haben kann.
Fuck!
Ich werfe einen Blick auf meine digitale Armbanduhr. Sie ist im Flugmodus, genau wie mein Handy, sodass zumindest ich persönlich nicht von meinen Schatten geortet werden kann. Die anderen haben ihre Handysignale ebenfalls abgeschaltet, trotzdem werden sie uns früher oder später finden, das ist jedes gottverdammte Mal so. Die Frage ist, wie viel Zeit uns bleibt, bevor das passiert.
»Was zum Teufel machen wir denn jetzt?«, will Spiro wissen, ehe er sich die Kapuze abstreift und das Gesicht direkt in den Regen hält. »Wir könnten weiterfahren und hoffen, dass der Regen alle Spuren wegwäscht.«
»Oder es anonym bei den Cops melden«, schlägt Lyndon ein, was vermutlich der sinnvollste Vorschlag ist, der hier überhaupt auf dem Tisch landen wird. »Wer auch immer das ist, er hatte Familie oder so. Jemand, der bestimmt wissen will, wo der Kerl abgeblieben ist. Stellt euch mal vor, einer nietet euch mitten im Nirgendwo um und keiner weiß, wo ihr seid. Man kann euch nicht beerdigen oder so.«
»Sind wir überhaupt sicher, dass er tot ist?« Ich mahle mit den Zähnen. Nur widerwillig drehe ich mich um, um zu dem reglosen Mann zurückzugehen. Zwischen ihm und dem Auto liegen vielleicht vier Meter. »Und wo ist sein Kopf?«
»Du hast dir deine Frage grad selbst beantwortet, Mann«, schreit Spiro mir nach. »Er hat keinen Kopf, weil der Matsche ist, also ist er so was von tot! Und wir sind es auch, wenn man uns irgendwie in Verbindung hiermit bringen kann!«
»Wir … Wir nehmen ihn mit!« Grover holt tief Luft. »Wir packen ihn in den Kofferraum und überlegen dann ganz in Ruhe, was wir mit ihm machen. Wir können ihn nicht hier liegenlassen, wo ihn jederzeit jemand finden und dann herausfinden wird, dass es mein Auto war, das über ihn drüber gefahren ist! Scheiße!« Er tritt gegen den linken Vorderreifen, ehe er die Fahrertür zuwirft, sodass wenigstens der penetrante Warnton endlich verstummt, den die Karre von sich gibt.
Für einen gruseligen Moment senkt sich bleierne Stille über meine Kumpels und mich. Selbst der Wald und der Regen scheinen verstummt zu sein, während jeder von uns über Grovers Vorschlag nachdenkt.
Mein erster Impuls ist es, den Kopf zu schütteln, weil es niemals eine echte Lösung ist, ein Problem unter den Teppich zu kehren, aber ich weiß auch, dass wir ganz schnell alle richtig am Arsch sein werden, falls wir keine verdammt gute Erklärung hierfür haben, und die haben wir faktisch nicht.
Vier von ihrem Leben angepisste, superreiche Politkids begeben sich unerlaubt mitten in der Nacht auf einen Egotrip, um ihren – vom Steuerzahler bezahlten – Wachhunden vom Secret Service zu entwischen. Unterwegs ziehen sie sich Marihuana rein und überfahren dabei ganz aus Versehen einen Mann auf regennasser Fahrbahn mitten im Nirgendwo.
Sollte das herauskommen, werden nicht nur wir gefickt, sondern auch unsere Familien. Mein Vater wird sein Amt niederlegen müssen, was auch für die Väter meiner Kumpels gilt.
Fuck!
Wir. Sind. Am. Arsch!
»In Ordnung«, sage ich, als ich tief Luft geholt habe. »Wir packen ihn in den Kofferraum und nehmen ihn mit zum Haus von Spiros Familie. Dort durchsuchen wir ihn und versuchen, herauszufinden, wer er ist. Vielleicht wissen wir dann, was er hier draußen am Arsch der Welt wollte. Dann überlegen wir uns, was wir mit ihm machen.«
Das Herz pumpt wie ein Presslufthammer in meiner zugeschnürten Brust, als ich nacheinander meine Freunde anschaue. Sie schweigen und starren auf den leblosen Körper auf der Straße hinunter, nicken dann aber, und somit ist es beschlossene Sache.
Spiro und ich packen den blutverschmierten, definitiv toten Kerl an den Armen und Beinen und heben ihn hoch.
»Ich glaub, ich muss kotzen«, keucht Spiro, der den Kerl an den Armen gepackt hat. »Ich hab noch nie so einen zermatschten Schädel gesehen. Ich kann sein verficktes Hirn herausquellen sehen!«
»Halt die Luft an«, rate ich, dabei rebelliert mein eigener Magen auch und ich habe das Gefühl, mich gleich übergeben zu müssen. »Grover, schau nach, ob du im Wagen eine Plastiktüte oder so was hast, damit wir nicht zu viele Spuren im Auto hinterlassen.«
»Du klingst, als hättest du so was schon mal gemacht.« Mein bester Freund ist inzwischen grün im Gesicht. Seine Hände zittern stark, trotzdem öffnet er die Heckklappe seines Sportwagens und reißt mit Lyndon unsere Taschen heraus, um Platz für die Leiche zu machen.
Scheiße, verdammt. Das ist nicht die erste Leiche, die ich zu Gesicht bekomme. Vor etwa zwei Jahren gab es einen Anschlag bei einer öffentlichen Wahlveranstaltung auf meine Familie. Ein Secret Service-Agent ist zwischen meine Eltern und einen mit einem Messer bewaffneten Mann gegangen. Der Angreifer hat den Agenten am Hals erwischt und dabei die Hauptschlagader getroffen. So unfassbar viel Blut in so kurzer Zeit habe ich noch nie gesehen. Und auch, wenn ich danach so getan habe, als hätte es mich nicht berührt, war ich lange völlig fertig deshalb.
»Genauso oft wie du«, gebe ich zwischen den fest zusammengebissenen Zähnen zurück, während mir Regen aus den Haaren ins Gesicht tropft und ich versuche, durch den Mund zu atmen. »Na los, macht schon! Der Kerl ist verflucht schwer.«
Ich habe das letzte Wort kaum ausgesprochen, als Spiro neben sich auf die Straße kotzt und dabei fast die Arme des toten Kerls loslässt.
Ich reiße mich zusammen, um es ihm nicht gleichzutun.
Grover öffnet die Klappe im Kofferraum und holt eine Plane daraus hervor, die er anschließend darin ausbreitet. Lyndon beeilt sich, unsere Taschen auf der Rückbank zu stapeln, damit sie nicht nass werden, denn wir brauchen den Platz für die Leiche. Ich habe keine Ahnung, wie viel der Kerl wiegt, aber garantiert mehr als ich, und ich bin recht muskulös und nicht gerade klein.
Mithilfe meiner Freunde wuchte ich den Körper in den großräumigen Kofferraum.
Wir atmen kollektiv auf, als er endlich darin verstaut ist – einen überstehenden Teil der Plane haben wir über das zermatschte Gesicht gelegt – und Lyndon die Klappe schließt.
Einen sehr langen Moment ist es totenstill zwischen uns, dann schlucke ich den gigantischen Kloß in meinem Hals hinunter und klopfe Grover auf die Schulter. »Ich werde den Rest der Strecke fahren. Du siehst aus, als würdest du jede Sekunde aus den Latschen kippen.«
Spiro schnauft. »Ich kann’s ihm nicht verdenken, Mann. Hat jemand ein Pfefferminzkaugummi dabei? Ich werde mir eine Stunde lang die Zähne putzen, sobald wir endlich angekommen sind.«
»Los. Lasst uns verschwinden und morgen noch mal herkommen. Wenn wir Glück haben, spült der Regen alle Spuren weg.« Ich gehe nach vorn zur Fahrertür und steige hinter das Lenkrad. Meine Freunde steigen ebenfalls ein, aber niemand schnallt sich an. Spiro und Lyndon müssen sich neben die gestapelten Reisetaschen quetschen, in denen wir unser Zeug für eine Woche verstaut haben.
»Und was, wenn wir Pech haben und das nicht passiert?«, meldet sich Lyndon zu Wort, aber ich antworte nicht, weil ich keine Ahnung habe, was ich dazu sagen soll.
Ich schnalle mich an und löse die automatische Bremse, bevor ich langsam anfahre, während in meinem Schädel das reinste Chaos herrscht.
Wir entfernen uns vorsätzlich von einem Unfallort, bei dem es ein Opfer mit Todesfolge gegeben hat. Wir begehen Fahrerflucht. Und wahrscheinlich haben wir den Kerl wirklich totgefahren. Wir begehen wissentlich ein Verbrechen. Und sollte das je herauskommen und man uns auf die Schliche kommen, sind unsere Leben vorbei!
»Wie weit ist es von hier noch bis zum Ferienhaus deiner Eltern?«, will ich von Spiro wissen, weil ich Mühe habe, mich auf die angezeigte Karte am Zentraldisplay rechts von mir zu konzentrieren. Der nach wie vor heftige Regen macht es nicht besser. Ich bilde mir ein, dass mir von den monotonen Bewegungen der Scheibenwischer schwindelig wird, und blinzle ein paar Mal, um das Gefühl zu verdrängen.
»Keine Ahnung. Ich schätze, zwanzig Minuten. Beeil dich, Mann.«
Das tue ich. Auch wenn ich keine Ahnung habe, wie es mir überhaupt gelingt, den Fuß aufs Gaspedal zu setzen. Ich bemühe mich, die Kontrolle nicht zu verlieren, denn ich hasse dieses Gefühl wie die verdammte Pest. Ich würde am liebsten durchdrehen und schreien, aber das hilft uns nicht. Wir brauchen einen Plan, aber zuerst müssen wir hier weg, bevor der Secret Service uns eingeholt hat.
Fuck, fuck, fu…
»Da vorn! Pass auf, Jaime!«, brüllt Grover, der in sich zusammengesunken neben mir auf dem Beifahrersitz hockt, aber jetzt versucht er, mir ins Lenkrad zu greifen, noch ehe ich kapiere, was er meint.
Da steht ein Mädchen auf der Straße. Sie winkt und rudert mit den Armen. Im grellen Licht der Scheinwerfer sieht sie aus wie ein verdammter Geist.
Sofort trete ich auf die Bremse und komme etwa drei Meter entfernt von der gruseligen Geistergestalt zum Stehen. Ich habe keine Ahnung, wie weit wir jetzt von der Stelle entfernt sind, an der wir den Kerl gerade umgenietet haben, aber es kann nicht sehr weit sein.
»Was zum Teufel«, setzt Lyndon an und beugt sich zwischen den Sitzen so weit nach vorn, dass ich seine bleiche Visage im Augenwinkel erkennen kann. »Sind wir irgendwie am Set eines miesen Horrorstreifens gelandet, ohne es zu merken?«
»Die Kleine ist fast nackt«, stellt Spiro das Offensichtliche nüchtern fest und beugt sich ebenfalls vor. »Wo kommt die denn auf einmal her? Hat sie was mit dem Kerl im Kofferraum zu tun? Bestimmt, oder? Scheiße! Solche Zufälle gibt es nicht!«
»Sei still!«, herrsche ich ihn an, ohne mich zu bewegen. »Sie kommt her. Kein Wort über den Typ, bis wir wissen, was zur Hölle hier gespielt wird, ist das klar?«
Spiro schnauft. »Ja, Boss. Und fick dich!«
Ich mahle so stark mit den Zähnen, dass ich fürchte, ich zertrümmere sie gleich, bevor ich die Scheibe herunterlasse, als sich die junge Frau der Fahrerseite nähert.
Sie sieht absolut furchtbar aus. Klitschnass, nur mit einem offensichtlich einem Mann gehörenden T-Shirt bekleidet, keine Hose, keine Schuhe. Aber sie hält sich die rechte Seite ihres Kopfes und ich erkenne das dünne Rinnsal Blut, das zwischen ihren zitternden Fingern hervorrinnt.
»Helft mir«, fleht sie. Ihre Stimme bebt und sie sieht vollkommen verängstigt aus. »Bitte! Ich … Ich glaube, ich bin gestürzt und habe mir den Kopf angeschlagen. Ich weiß nicht, wieso ich hier draußen bin! Ich weiß nicht, wo ich bin oder wie ich hergekommen bin. Ich …«
»Scheiß die Wand an«, höre ich Lyndon murmeln. »Ich kenne sie! Sie ist in einem meiner Kurse! Das ist Stella Sartori.«

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